Ausflug ins Seegrasland

Hallo liebe Seegrasfreunde!

 

Jörn und ich (Swantje) haben eine spontane Reise ins Seegrasparadies nach Dänemark gemacht und kommen „geflasht“ von all den Eindrücken wieder. Wir haben auf die Wettervorhersage gebaut und wurden belohnt mit unglaublich (nicht nur optisch) tollen Impressionen von der Ernte.

Von einem unserer Lieferanten, einem Landwirt, der schon in dritter Generation Seegras vom familieneigenen Küstenstreifen gewinnt, hatten wir den Hinweis, dass gerade jetzt besonders viel frisches grünes Seegras angespült wird.

Wir haben ihn ein paar Stunden lang bei strahlend blauem Novemberhimmel bei der Arbeit begleitet und viele Fotos und Filmaufnahmen gemacht.

Das Mikro unserer Kamera war leider nicht so gut geeignet für Outdoor Interviews, aber wir haben noch viel von dem Erzählten in Erinnerung und werden uns bemühen, es in Form von Youtubefilmchen und Artikeln euch zu vermitteln.

 

Velkommen


Als wir ankamen, erwartete uns im ca. 150 Jahre alten Bauernhaus eine Mahlzeit mit (u.a.) selbstgebackenem Brot und gekochten Eiern von eigenen Hühnern. Das Ambiente dort erfreut das Auge mit der hellen, einfachen, freundlichen, dänischen Eleganz.
Ein fröhlicher Hund tobte herum, und hinter der Seegraslagerhalle (rund wie eine halbierte Tonne) standen ein paar niedliche Islandpferdchen im Winterfell.

Wir gingen Richtung Meer und kamen erstmal zu der großen Wiese, auf der das nasse Seegras ausgebreitet mehrere Monate lagert, ein Hügel, abschüssig zur Küste.

Ich finde es erstaunlich, dass mir im Winterhalbjahr die Grüntöne oft viel kräftiger vorkommen als im Sommerhalbjahr, die kurzgemähte Wiese leuchtet in einem knackigen Grasgrün, das darauf verteilte Seegras in einem kräftigen Gelbgrün, das in der Sonne schimmert und funkelt wie Gold.

 

 

Während der Landwirt mit seinem Trecker mit Heuwender über die Wiese fährt, das nasse Seegras umherwirbelt und Jörn Fotos und Filmaufnahmen macht, unterhalte ich mich mit der Frau des Landwirts. Sie hat ein bisschen Deutsch in der Schule gelernt, ich ein klitzekleines bisschen Dänisch im Urlaub, doch mit Englisch kommen wir beide am besten klar. Sie erklärt mir, dass die Wiesen fürs Seegrastrocknen sehr häufig gemäht werden, und das anfallende Gras an zwei junge Kühe verfüttert wird. Weiter erzählt sie, dass ihr wegen einer Duftstoffallergie (haben in Deutschland übrigens über eine Million Menschen) dieses naturnahe Leben mit soviel frischer Luft besonders gut tut. Sie möchte in naher Zukunft Ausritte mit den Islandpferden anbieten. Dafür ist die Landschaft super geeignet, die Ostsee sieht man eigentlich von überall.

 

Seegras wird aus der Ostsee gebaggert

Das Seegrasufer

 

Am Ufer angekommen staunen Jörn und ich über den Anblick von einem mehrere Meter breiten Streifen frischgrünen langblättrigen (mindestens 1 m) Seegrases, der von Wind und Strömung gegen das Land gedrückt wird. (Im frischen Zustand sieht man warum es im Dänischen und Englischen auch Aalgras heißt: ålegræs, eelgrass.)
Weitgehend frei von Beimischungen wie Müll, Tang, Federn, Quallen u.ä., den Anblick findet man in Deutschland kaum.
Im Hintergrund bringt die Novembersonne das strahlende Weiß von Schwänen auf blauem Wasser zur Geltung. Die ganze Landschaft eine Augenweide!


Nun können wir zuschauen wie Ib (der Landwirt) mithilfe eines Treckers mit einem Greifer bestehend aus quasi zwei riesigen Heugabeln hineingreift in die grüne Fülle, einen großen Haufen Seegras hochhebt, einen Moment lang die vielen Liter Salzwasser hinausströmen lässt, den Baggerarm zum Land schwenkt und entlang des Ufers Berg für Berg auftürmt.
Hier soll es eigentlich mindestens 24 Stunden abtropfen, doch für unsere Dokumentation zeigt er uns auch die nächsten Arbeitsschritte. Mehrere Treckerhänger lädt er voll und verteilt sie auf einer weiteren Wiese, die unten am Wasser liegt.

 

das frisch geerntete Seegras wird auf Wiesen verteilt

 

Hier wird es regelmäßig gewendet, sonst gibt es keine Trockenchancen im Winterhalbjahr. Auch im Sommer ist das Wenden wichtig, ansonsten ensteht bei größeren Anhäufungen eine Rotthitze im Inneren wie man es von Komposthaufen kennt.
Monatelang wird es jetzt hier liegen, der Regen wird fast alles äußere Meersalz abwaschen, das Quietschgrün wird einem warmen Grünbraunton mit vielen Farbnuancen weichen (sonnengebleichtes Seegras kann sogar richtig weiß werden!), und wann dann der richtige Zeitpunkt kommt, dass es trocken genug zum Rundballenpressen ist, kann man noch nicht wissen.
Ib hofft, dass das Seegras möglichst wenig Frost und Schnee abkriegt, denn dadurch brechen die Halme leichter, und die ganzen langen Halme sind einfach besonders schön und kostbar.

Seegras wird am Ostseeofer auf Wiesen verteilt

Seegras statt Reet


Sein Hauptabnehmer, die Organisation die die Museumshäuser von  Læsø renoviert, ist auf die langen Fasern angewiesen, denn hier werden sie zur Dacheindeckung genutzt, ähnlich wie Reet. Übrigens sind diese ca. 1 m dicken sogenannten Tangdächer total wasserdicht (und erstaunlicherweise sehr leicht!). Die oberen 5 cm, die der Witterung ausgesetzt sind, kompostieren ein wenig, bilden eine Art Kruste ähnlich wie Baumrinde, hieran rinnt der Regen herab und dringt nicht ein. Ein Dach als Biotop! Bunte Wiesenblumen wachsen auf diesen Dächern, wie wir selber in einem Urlaub vor 16 Jahren bewundert und fotografiert haben.

 

menschhohe Seegrasberge

Aus der Fülle schöpfen


Die Seegrasschwemme hält an, Ib sammelt es täglich ein. Man muss schnell reagieren, bevor es verunreinigt wird oder woanders hinschwimmt. Manchmal arbeitet er noch im Dunkeln bei Scheinwerferbeleuchtung und kommt erst gegen Mitternacht ins Haus berichtet seine Frau lächelnd. Sie mag diese Arbeit mit Seegras auch sehr gerne. Auf dem Rückweg treffen wir Ibs Vater, der das Wenden übernommen hat. Hier kommen mir meine minimalen Dänischkenntnisse zugute, denn ich höre von ihm (auf dänisch), dass schon sein Vater genau hier Seegras geerntet und aufbereitet hat, und dass es damals natürlich ohne Trecker, sondern mit Pferdefuhrwerk und Heugabeln war. Wie gern hätten wir davon Fotos!

Seegrashändler und Seegrassammler im Gespräch

 

Und noch einen dänischen Satz kriege ich hingebastelt, der auch verstanden wird. Weil wir noch an einer anderen Stelle vor der Dämmerung Fotos machen wollen, frage ich Ib: "Solnedgang, er det klokken fem?" "Jeah!" (Sonnenuntergang, ist der um fünf? - Ja!)

In 2 km Entfernung finden wir ein total hyggeliges Café mit Bed&Breakfast und feiern den Abschluss dieses wunderschönen Tages mit einem Glas dänischem Fassbier (øl).

Dannebro

 

Meine Begeisterung für die dänische Hygge (Gemütlichkeit reicht eigentlich nicht als Übersetzung, es ist viel mehr!) ist mal wieder voll entflammt, und ich freue mich schon auf unseren nächsten Ausflug, bei dem wir ein Museumsdorf bei Kopenhagen besuchen wollen, in dem ein Haus mit Seegrasdach gebaut wurde.

Die Arbeit dieses Seegrasbauern strahlt soviel Ruhe, Frieden, Einfachheit und Naturverbundenheit aus, wir wünschten, wir könnten das nach Deutschland übertragen!

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Naturfreund (Montag, 27 November 2017 17:02)

    Ein sehr schöner, aufschlussreicher Bericht. Die Dänen machen uns vor, was man mit Seegras alles
    machen kann.

  • #2

    Joachim Ries (Sonntag, 10 Dezember 2017 00:36)

    Ein paar mehr Arbeitsschritte als bei Heu sind es ja schon! Aber so günstig wie es dieser Bauer hat und so viel Erfahrung wie er hat wird es wohl kaum ein zweiter haben! Da hoffen wir , dass ihr mit der Familie Freunde bleibt!

  • #3

    Swantje (Sonntag, 10 Dezember 2017 15:16)

    Ja, wir hoffen nur, dass dieses Konzept an der dt. Ostseeküste Anklang findet, sich jemand davon angesprochen fühlt und nicht von der Bürokratie ausgebremst wird. Es gibt nämlich Bedenken, wieviel Salz in die Erde sickert, aber man müsste mal messen, wieviel Salz die Meeresbrise schon von Natur aus in küstennahen Gebieten hinterlässt. Laut diesem dänischen Bauernpaar ist oft unter ihrem Auto auf ihrem Parkplatz beim Haus eine richtige weiße Kruste, allein von der feuchten Meeresluft. D.h. die Tier- und Pflanzenwelt kam schon immer damit klar, die für Seegras genutzten Wiesen sehen gesund aus.

  • #4

    Joachim Ries (Freitag, 15 Dezember 2017 20:27)

    Salz ist überhaupt kein Problem! Erstens wäscht der Regen es dauernd aus und zweitens ist es sogar auch ein Dünger. Auf englischen Webseiten über die Kompostierung von Seegras pluss Algen (seaweeds) wird empfohlen, die Algen und Seegras nicht extra für die Kompostierung zu waschen.

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