Ferien im Baudenkmal

Der Bahnhof in Wallsbüll

... war ein Haltepunkt an der heute stillgelegten Bahnstrecke Flensburg – Niebüll der ehemaligen Königlich Preußischen Staatseisenbahn. Die eingleisige Querbahn verband die Stadt Flensburg mit der Marschbahn im Westen. Nach zweijähriger Bauzeit konnte die Strecke 1889 in Betrieb genommen werden. Nachdem der Personenverkehr am 31. März 1981 endgültig eingestellt wurde, ging der Bahnhof in Privatbesitz über und wird seitdem zu Wohnzwecken genutzt.

Im Januar 2019 gab es einen Wohnungsbrand, der die Innenräume unbewohnbar machte.

Die damalige Besitzerin verkaufte die Brandruine an die Gemeinde.

Nachdem die Gemeindevertretung mehrere Ideen für eine Nutzung verworfen hatte, beschloss man, den Bahnhof wieder zu verkaufen. Im September 2019 wurden das ehemalige Bahnhofsempfangsgebäude und das dazugehörige Aborthäuschen (Toilette) unter Denkmalschutz gestellt.

Liebe auf den ersten Blick

Es war Liebe auf den ersten Blick, als wir im August 2019 das erste Mal das Grundstück betraten.  Gleich beim ersten Durchgang sahen wir, was für ein Potenzial dieses Gebäude besaß. Am Anfang war es noch alles etwas verschwommen, aber nach und nach nahm es Formen an. Mit viel Liebe zum Detail und in Handarbeit haben wir das Haus zum Leben erweckt.

Als erstes stand eine umfangreiche Schadstoffsanierung an. Wir haben das Gebäude von allen künstlichen Mineralfasern, Asbestplatten und allen giftigen Anstrichen befreit. Uns war schnell klar, dass wir so etwas nicht wieder machen wollten. Nach einigen Recherchen haben wir uns für eine Wandheizung in Kombination mit Lehmputz entschieden. Wir heizen also die Gebäudehülle auf und nicht die Raumluft. Temperierung anstatt Konvektionswärme, bei dieser Heizmethode kommt das Haus ohne Dämmung der Außenwände aus. Das Prinzip der Temperierung basiert darauf, dass das Mauerwerk erwärmt wird und durch die Strahlungswärme den Innenraum heizt. Diese Art der Wärmeverteilung wird als besonders wohlig empfunden, und es kommt dabei zu keinerlei Thermik, die Hausstaub und Milben aufwirbeln könnten. Zudem bleibt das Mauerwerk stets trocken.

Bahnhof Wallsbüll mit Baugerüst

Die guten Eigenschaften von Lehm

Für den Lehmputz haben wir uns entschieden, weil er so wunderbar natürlich ist und nur gute Eigenschaften hat. Er kann z.B. Wasser speichern und wieder abgeben und damit Feuchtigkeitsschwankungen ausgleichen. Die gleichmäßige Luftfeuchtigkeit ergibt ein gesundes Raumklima, das sehr angenehm ist und die Schleimhäute nicht austrocknet.

Lehm kann aber noch viel mehr. Er lagert z. B. auch Schad- und Geruchsstoffe ein und sorgt so für saubere und frische Luft.  Hinzu kommt, dass Lehm die Luft auch mit negativ geladenen Ionen anreichern kann, was noch zusätzlich für ein frischeres, reineres Raumklima sorgt.

Der Rohstoff Seegras liegt bei uns vor der Tür

Da wo doch etwas Dämmung Not tat, haben wir Stopfhanf genommen. Er ist in allen kleinen Hohlräumen und Spalten vor allem um die Fenster und Sparrenköpfe. Auf der Obergeschossdecke des Stationsgebäudes, unter der Dielung im Güterschuppen und im Holzständerwerk der neu errichteten Innenwände haben wir zur Dämmung Seegras eingebracht. Der Rohstoff Seegras liegt bei uns vor der Tür und wird in der Region aufbereitet. Ein wesentlicher Vorteil des Rohstoffes ist die Tatsache, dass es aus dem Meer stammt und daher auf natürliche Weise sehr gut mit Feuchtigkeit umgehen kann. Das Seegras ist aufgrund seiner natürlichen Zusammensetzung resistent gegen Fäulnis, Pilze und Schädlinge. Dank seines hohen Silikat- und Salzgehaltes ist Seegras auch ohne chemische Aufbereitung feuerhemmend. Das gut dämmende diffusionsoffene Material bietet auch einen guten sommerlichen Hitzeschutz.

Der Güterschuppen wurde unter dem Blechdach mit Holzfaserplatten gedämmt.  Diese werden aus entrindetem Restholz hergestellt. Die Holzfasern werden zerrieben, erhitzt und gepresst. Als Klebstoff dienen holzeigene Harze.

 

Ein Mix aus Alt und Neu

Im kleinen Toilettenhäuschen haben wir tatsächlich noch ein originales Fenster von 1888 gefunden. Nach diesem historischen Vorbild hat die ortsansässige Tischlerei Carstensen GbR die neuen Fenster für den Bahnhof gebaut. Die Türen mussten wir anhand alter Fotos selber entwerfen und haben sie auch dort anfertigen lassen.  

Wie bei den Fenstern und Türen haben wir für alle Arbeiten Firmen aus der Region gewählt. Michael Beck von der Naturwelt Stollberg hat uns mit Lehmarbeiten (Unterputz, Feinputz, Lehmplatten usw.) versorgt.

Ein großer Dank an alle am Bau Beteiligten für die wirklich gute Zusammenarbeit!

Beim Innenausbau haben wir immer versucht, so nachhaltig wie möglich zu sein. So stammt zum Beispiel die Dielung aus ähnlich alten Abrisshäusern und auch die verbrannten Innentüren wurden aus alten Gebäuden ersetzt.

Passend zu dem diffusionsoffenen Lehmputz wurde auch die Wandfarbe ausgesucht. Sie besteht hauptsächlich aus Tonmehl und Sand. Als Bindemittel sind Pflanzenstärke bzw. Zellulose enthalten. Sie kann genau wie der Putz Schadstoffe aus der Luft binden und ist feuchtigkeitsregulierend.

Bei der Inneneinrichtung haben wir auf einen Mix aus alt und neu geachtet. Wir wollten kein Museum erschaffen. Vielmehr sollten die Räume behaglich, praktisch und vielleicht auch ein bisschen außergewöhnlich sein.

Feriengäste willkommen!

Wir hoffen, dass wenn wir Sie hier als Feriengast begrüßen dürfen, unsere persönliche Begeisterung für dieses bauhistorisch wertvolle Gebäude ein wenig auf Sie über springt, und Sie die Zeit in diesem Baudenkmal nahe der dänischen Grenze genießen können.      

 

Wenn Sie sich wohl fühlen, haben wir alles erreicht, was wir wollten.

 

Tina und Kay

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Seegrasfreund Fritz (Donnerstag, 17 Juni 2021 07:54)

    Sehr schöner Bericht.

  • #2

    Sven Georgi (Sonntag, 20 Juni 2021 14:55)

    Moin Moin Ihr Lieben,
    Ihr habt meinen vollen Respekt für diese nachhaltige, umweltfreundliche und gesunde Bauweise. Wünsche Euch alles gute mit diesem super Denkmal.

  • #3

    Ute und Hauke (Montag, 21 Juni 2021 14:01)

    Ein aufschlussreicher Bericht mit schönen Fotos. Ich kenne die Hütte schon einige Jahre, Bauherren wie Euch, die sich Gedanken machen, auch gestalterisch, hat der alte Bahnhof verdient. Respekt!!

  • #4

    Christoph (Samstag, 10 Juli 2021 21:08)

    Wirklich klasse! Was für ein wunderbar stilvolles Gebäude! Von den Baustoffen und der Bauteilaktivierung bin ich begeistert. Man bekommt direkt Lust selbst ein neues Projekt zu starten.